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Unlimited Ju Jitsu Philippe LoubetJu Jitsu

Kampf am Boden Bodenkampf

 

Seit der Wiedergeburt des Ju Jitsu haben zahlreiche Lehrer die verschiedensten Trainingsweisen entwickelt und dadurch den ein oder anderen Stil bereichert. Die „Globalisierung“ von zuvor geheimem Wissen hat großes Interesse bei vielen Kampfkünstler hervorgerufen, und so widmen sich heute viele Spitzenkämpfer auch dem Thema Bodenkampf. Videos, Lehrgänge und - langsam aber sicher - einige Bücher versuchen den Wissensdurst derjenigen zu stillen, die dem „Gracie-Virus“ zum Opfer gefallen sind oder aber lediglich einen Zugang zum technischen Wissen der Perfektion erhalten möchten. Jeder neuen technischen Entwicklung folgt ein Mittel, um dieser zu begegnen, worauf dann wieder in Mittel gegen das Gegenmittel folgt und so fort. Oftmals fand man diese in Erinnerung an antike oder nicht mehr gebräuchliche Techniken, welche plötzlich wieder in den Mittelpunkt des Interesses rückten, nur weil sie bei einer Veranstaltung von einem Champion eingesetzt wurde. In diesem mare magnum der Neuheiten verliert sich oft die Grundlage und selbst der gesunde Menschenverstand.

Philippe Loubet ist unseren Lesern ein alter Bekannter. Seine Arbeit ist von allen Experten als originell und kreativ anerkannt, doch sie basiert vor allem auf einer soliden Grundlage und einer soliden sportlichen Laufbahn. Mit seinem zweiten Lehrvideo gibt Loubet dem Ju Jitsu wieder seinen Wert als komplette Kampftechnik zurück, in der Schläge eingesetzt werden, die den Gegner erst einmal perfekt kontrollieren. Dieser Artikel zeigt uns einige seiner Überlegungen und Ratschläge, die kein Liebhaber der Kampfkünste übergehen sollte.

Ein starkes und vollständiges Ju Jitsu, ein Ju Jitsu ohne Einschränkungen, besonnen und effektiv.

Alfredo Tucci

 

 

Loubet Ju Jitsu

Der Kampf am Boden

 

Den Kampf am Boden könnte man ohne weiteres mit einer Partie Chinesischem Damespiels vergleichen. Hier sucht man zuerst eine Strategie zum Handeln, ohne daran zu denken, sein Spiel zu verteidigen. Bei dieser riskanten Strategie geht man vorwärts, ohne eigentlich genau zu wissen, wie es alles enden wird.

Beim Kampf findet man sich oft in einer sehr ähnlichen Situation wieder, doch in dem Moment, in dem es auf den Boden geht, weiß man, dass einer der Kontrahenten der Sieger sein muss und sein wird. Man darf nicht „schwächeln“ oder steif werden und man kann auch nicht mehr entfliehen. So ist es wichtig, eine Strategie zu wählen, die der des Gegners angepasst ist.

Der Kampf am Boden hat zwei grundsätzliche Formen: den sportlichen Zweikampf, und die Selbstverteidigung.

-   Der sportliche Kampf am Boden ist sehr kompakt, sowohl mental wie körperlich. Er ist eine exzellente aerobische Arbeit mit vielen Möglichkeiten. Nachdem man einige Monate am Boden trainiert hat, wird man in der Lage sein, sich immer bewußter zu verbessern und das System anzuwenden, welches einem selbst am besten liegt, wie etwa das Anwenden von Würgegriffen, Armhebeln, Kontrollen oder aber von Schlägen.

Um den Bodenkampf genießen zu können, benötigt man selbstverständlich eine gute technische Grundlage.

Ju Jitsu ist der Vorläufer des Judo und bei der Ausübung dieser Kampfkunst darf man nicht vergessen, dass Hilfe und Solidarität notwendig sind, um auf richtige Weise voranzuschreiten.

-   Sehen wir den Kampf am Boden aber aus der Perspektive der Selbstverteidigung, sind die Spielregeln und die Einstellung völlig anders. Vom ersten körperlichen Kontakt an muss man sich voll in den Kampf einbringen. Jeder Fehler, Zweifel und Zerstreutheit seitens unseres Gegners muss ausgenutzt werden, und dies natürlich reziprok: wer selbst ein Deckungsloch öffnet, der denke daran, dass es mit Sicherheit geschlossen werden wird!

Für mich liegt der Schlüssel zur Auswahl der Strategie darin, dass man erkennt, wie man die Initiative vom ersten Moment an zu ergreifen und den Gegner dabei nie zu unterschätzen hat, bis man ihn eindeutig besiegt hat. Wir alle haben unzählige Kämpfe von sogenannten Unbesiegbaren gesehen, die im letzten Moment wegen dieses Fehlers die Rechnung serviert bekamen.

Beim Bodenkampf der Selbstverteidigung gibt es im Gegensatz zum Sport keine Regeln, womit die athletisch-körperliche Grundausbildung an noch größerer Bedeutung gewinnt. Diese Grundausbildung muss mit einer lupenreinen technischen Basis sinnvoll verbunden werden. Sind es doch die Grundlagen, auf die man sich stützt, und ein Mangel auf diesem Gebiet kann durch nichts, aber auch gar nichts, ausgeglichen werden.

Doch ebenso wichtig wie eine gute technische Grundlage ist die Fähigkeit, eine große mentale Stärke zu entwickeln, damit man in den schlechten Momenten durchhält. Diese Fähigkeit zum Leiden trainiert man ebenso wie die Muskeln. Helio Gracie wiederholt immer wieder, dass man „im Bodenkampf nicht siegt. Man verliert!“. Man muß seine Zweifel aus dem Kopf verbannen, denn ein Zweifel kann in solchen Fällen den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Was die Selbstverteidigung betrifft, so genügt es nicht, ab und zu einmal zu trainieren. Der Kampf kann in jedem Augenblick auftreten und man muß immer bereit sein. Ich verstehe Regelmäßigkeit als etwas absolut Wesentliches, will man wirklich in der Lage sein, sich zu verteidigen.

 

 

Drei Formen, um Bodenkampf zu trainieren

Es gibt verschiedene Kampfesweisen am Boden:

-       Ohne Judogi: Hier sucht man alle mögliche Kontrollformen wie etwa Würgetechniken, Armhebel oder Schmerzwingen.

-       Die zweite Idee ist die gleiche wie die erste, aber mit Judogi.

Mit dem Gi hat man mehr Möglichkeiten, seine Fertigkeiten zu entwickeln, wodurch man auch eine andere Einstellung zum Bodenkampf gewinnen wird.

-       Die dritte Form ist die aggressivste und realste Form, und richtet sich auf die Selbstverteidigung.

Bei dieser Form gibt es Schläge, Ellenbogen, Kopf- und Kniestöße, Tritte mit der Ferse und man kann den Gegner mit allem stören, was Schmerz bereitet.

Es liegt auf der Hand, dass man auf diese, derzeit sehr in Mode gekommenen Weise, absolutes Vertrauen in seine Partner und seinen Lehrmeister haben muß, da man sich ansonsten ernsthaft verletzen wird.

 

 

Ratschläge zum korrekten Training

Für den Kampf am Boden mit seinen spezifischen Charakteristiken ist es unabdingbar, über eine besondere Pädagogik zu verfügen. Leider würde eine vollständige Beschreibung der Lehrmethode den Rahmen dieses Artikels sprengen, doch ich möchte zumindest einige praktische Ratschläge geben und hoffe, den Übenden damit eine Hilfe sein zu können.

Gutes Aufwärmen ist mehr als notwendig, besonders im Bereich von Hals und den kleineren Gelenken.

Übungen für Beweglichkeit und Flexibilität sowie der Stärkung des Nackenbereiches sind unabdingbar, werden diese Bereiche doch in anderen Aktivitäten nicht derart beansprucht.

Wer Schläge einsetzen möchte, sollte nicht auf Faust- und Ellenbogenschützer verzichten. Schlagen sollte man dann, wenn man den Gegner bereits kontrolliert hat. Im Training sollte man dann, wenn der Partner aufgibt, auch das Schlagen einstellen und mit dem Ringkampf weitermachen.

Man muß immer mehrere Wege versuchen um dorthin zu gelangen, wohin man kommen möchte. Man verbaue sich hier keine Möglichkeiten.

Man sollte ständig seine Art den Kampf zu beenden wechseln, und ist der Trainingspartner auf einem geringeren Niveau als man selbst, so gebe man diesem Möglichkeiten, sich auszuarbeiten. Man sollte nicht immer siegen wollen.

Ist der Trainingspartner aber erheblich besser als man selbst, so sehe man die Sache locker. Denken Sie an das Erlernte und versuchen Sie, dem Gegner das Leben schwer zu machen. Halten Sie nie die Füße still, bis sich nicht doch noch ein Ausstieg gefunden hat. Im Falle eines solchen Kräfteverhältnisses denken Sie stets daran, dass Sie ein vom Glück Bevorzugter ist, denn Sie werden mehr aus dieser Trainingseinheit ziehen, als der stärke Gegner es tun wird!

Der Kampf am Boden ist schwierig, und man wird ihn nicht in zehn Stunden erlernen. Man habe Geduld und Beharrlichkeit.

Wer seine Kampfkraft verbessern will, der sollte häufig den Trainingspartner wechseln und sich viele Stunden „auf dem Boden wälzen“, immer auf beständige Entwicklung ausgerichtet.

Nur wer riskiert, der wird auch neue Möglichkeiten entdecken. So schlafen dann auch nicht die Fähigkeiten ein.

Der Kampf ist für alle. Man muß sich an jeden Partner anpassen können, sei er jung oder alt, Frau oder Mann, Schwer- oder Leichtgewicht – und man behandle jeden mit dem Respekt, den er verdient.

Der Kampf am Boden öffnet jedem Türen, doch man sollte dabei niemals vergessen, dass er vor allem eine Methode ist, sich an den Gegner anpassen zu lernen. Man muß verstehen, dass es keine perfekten Techniken gibt. Die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen ist es, die einem den Sieg sichern wird.

  

Die Kata

Das Studium der „Kata Meno Kata“ ist sehr wichtig für die eigene Entwicklung.

Durch sie erlernt man zuerst die Fähigkeit, sich auf richtige Weise zu Bewegen, im Gleichgewicht seiner Kraft zu bleiben und den Körper auszurichten.

In der ersten Serie dieser Kata erlernt man, seine Kontrollen zu verbessern und einfache Ausstiege korrekt auszuführen.

In der zweiten Serie erlernt man einige Würgegriffe, und man wird sich auch daran gewöhnen, diese zu ertragen.

Die dritte Serie widmet sich den Armhebeln. Um diese Kata zu verstehen und genießen zu können, benötigt man allerdings ein fortgeschrittenes Niveau.

Man sollte niemals vergessen, dass eine Kata eine Grundlage des Studiums ist. Ihre Techniken kann man nicht in einem realen Kampf anwenden, ohne vorher eine korrekte Adaption an spezifische Situationen zu meistern.

  

Die Struktur

Die Struktur ist m.E. das große Geheimnis des Kampfes. Die Körperstruktur ist die Grundlage jedes Kampfstils und viele Meister vergessen, dies ihren Schülern anschaulich zu vermitteln.

Es kann sein, dass der Schüler dieses Geheimnis von selbst entdeckt; dann haben wir einen guten Kämpfer vor uns. Es könnte aber auch sein, dass man erst nach einigen Jahren des Kampftrainings dazu in der Lage ist, wodurch man dann viel Zeit verloren hätte! Doch das Häufigste ist, dass der Schüler dies nie entdeckt...

Eine gute Struktur zu haben bedeutet, den Rumpf aufrecht und im Gleichgewicht zu halten, egal ob man einen Griff erdulden oder gegen eine Schlagkombination bestehen muß. Der Körper sollte weder zu steif noch zu entspannt sein, er sollte kräftig aber flexibel sein, um unter Krafteinwirkung nachzugeben, um danach, die Kraft des Gegners ausnutzend, mit maximaler Effizienz angreifen zu können.

Die Wichtigkeit von Grundübungen

Vergleicht man den Kampf am Boden mit Musik, so sieht man, dass die Grundübungen für Beweglichkeit im Kampf der Musiklehre gleichkommen: Ohne die Tonleiter wird man die Instrumente immer nur begrenzt beherrschen können.

Für den Kampf gilt das gleiche: ohne Grundlage wird man auch hier immer nur ein sehr limitiertes System zur Verfügung haben.

Ist das persönlich ausgeführte System derart limitiert, dann muss man dies durch ein Mehr an Aggressivität wettmachen, wie z.B. mit Schlägen. Doch meist verkrampft man sich bei dem Versuch zu sehr und wird nicht auf richtige Weise vorankommen. Schläge gehören zu einem Kampf, wenn der Gegner kontrolliert ist, oder aber die eigene Position einen Schlag erlaubt.

Wer sein Training richtig entwickeln möchte, sollte jedem Detail der Grundlagen größte Aufmerksamkeit schenken. Hier einige Ratschläge zu diesem Thema, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte:

Zuerst sollte man dem Genickbereich Aufmerksamkeit schenken und Individualübungen für die Flexibilität machen, ohne Eile, ohne Anspannung und Kraft, dabei das eigene Körpergewicht nutzend.

Ist das Genick einmal an diese Arbeitsweise gewöhnt, beginnen die Kräftigungsübungen. Dazu ist ein Partner hilfreich, der das gleiche Niveau hat und mehr oder weniger das gleiche Gewicht.

Bei der Partnerarbeit sind die Bewegungen nie zu bremsen, sondern der Partner muss zum Ende seiner Übung gelangen.

Vier bis acht Serien zu zwanzig Wiederholungen mit einer Erholungszeit, die größer ist als die Zeit der Ausführung, sind ratsam. Die Einheit sollte mit zehn Minuten Entspannung und Dehnung beendet werden.

Über Sie nicht öfter als drei Mal die Woche. Es sollte stets ein Tag Pause zwischen den Einheiten liegen.

Es ist ratsam, das Genick nach einem guten Aufwärmtraining zu trainieren, oder direkt nach dem Training.

Ich hoffe, dass diejenigen, die am Thema Bodenkampf interessiert sind, einiges von diesem Artikel mitnehmen können, und dass mein zweites Video mit Budo International Ihnen ebenso hilfreich sein wird, kann ich dort doch vieles erheblich besser ausführen. Der Schlüssel liegt auf alle Fälle darin, dass man niemals auslernt.

Frohes Training!